Keçên Rojê
Töchter der Sonne
Geflüchtete ezidische Frauen erzählen

Kecên-Rojê-Töchter der Sonne - ein Buch entsteht

Im Februar 2019 entstand die Idee, ein Buch über geflüchtete ezidische Frauen in Deutschland zu schreiben. Das Buch "Keçên Rojê – Töchter der Sonne" entsteht unter der Schirmherrschaft der Landungsbrücke. Es beinhaltet authentische Berichte geflüchteter ezidischer Frauen über das Leben in der Heimat, die Flucht und die Ankunft in Deutschland. Die Interviews wurden geführt und übersetzt von Sabriye Dag und niedergeschrieben von Claudia Ruhs. Sie veranschaulichen wie Flucht Menschen prägt. Die finale Gestaltung des Buches lag in den Händen der Graphikdesignerin Tanja Feldmann mit ihrer eigenen Firma Tanjowski. Ihr oblag die Integration der wirkmächtigen Gemälde von Ravo Ossman Shingali und der Gedichte von Sebra Xaltî. Sie entwarf auch die künstlerische Gestaltung des Layouts. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Podcast https://youtube.com/channel/UC4TVNFLfsjEA46SUEj0humg, toechter-der-sonne live, Folge 19

 

Der Hintergrund

Bis August 2014 lebten mehr als fünfhunderttausend Eziden in Shingal/Nordirak als Minderheit. Sie lebten von Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht. Es war ein hartes aber friedliches Leben. Die Großfamilien unterstützten sich gegenseitig. Ab Juli 2014 änderte sich das Leben dort von heute auf morgen. Mitten in der Nacht am 03.08.2014 fiel der IS in Shingal ein, tötete tausende Männer und heranwachsende Jungen. Verschleppten und versklavten mehr als fünf- bis sechstausend ezidische Frauen,  Mädchen und Kinder. Einige konnten aus eigener Kraft fliehen, wieder andere wurden von Familien und der Verwandtschaft frei gekauft. Viele wurden vergewaltigt und umgebracht, wie die 19 Mädchen, die bei lebendigem Leib im Eisenkäfig verbrannt wurden, weil sie sich der çihat Ehe verweigert haben, darunter waren auch orientalische Christen. Bis heute fehlt von mehr als 2500 Frauen und Mädchen jede Spur. 

Die Eziden bilden nicht nur in Niedersachsen eine große Migrantengruppe. Sie sind über ganz Deutschland verteilt. Sie kommen aus der Türkei, dem Irak, Syrien und wenige aus dem Iran. In Deutschland leben sie meist unter sich, in Großfamilienverbänden. Das fußt auf einer langen Tradition als Minderheit, die über Jahrhunderte Verfolgung erlitten hat und auf patriarchalen Familienstrukturen, die die Rolle der Frau in der Familie sehen.

Das ist der Grund, warum der deutschsprachigen Bevölkerung so wenig von den kurdischen Eziden weiß. Mit den Gräueltaten, die der IS in Nordirak ab 2014 verübt hat, ist ihr Schicksal in den Fokus der Welt gerückt. Eine Flüchtlingswelle folgte. 

Unsere Ziele

Wir möchten einen wichtigen Beitrag dazu liefern, das Miteinander der Kulturen zu verbessern. Das Buch kann den Weg zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe der kurdischen Frauen ebnen und ein Impuls für die deutsche Gesellschaft sein, sich zu öffnen.

Durch die überregionale Ausstrahlung des Buches ist es möglich, die deutsche und kurdische Leserschaft daran zu erinnern, dass die Gräueltaten an den EzidInnen nicht vergessen werden dürfen. Insbesondere darf die Suche nach den verschollenen Frauen und Kindern, die noch weiter in Sklaverei leben, nicht aufgegeben werden. 

Biographisch-narrative Interviews

Durch ihre Arbeit in der Landungsbrücke e.V. konnte Claudia Ruhs ein vertrauensvolles Verhältnis zu den geflüchteten Frauen aufbauen. Sebra Xaltî, die als Sprachmittlerin mitwirkte, hatte dabei einen großen Anteil, denn über sich selbst erzählen und komplexe Gefühlslagen ausdrücken, das kann man, auch nach drei bis vier Jahren in einem Land, nur in der Muttersprache. So entstand die Idee, gemeinsam die Geschichte und Lebensleistung dieser Frauen aufzuschreiben. 

Fünf Frauen öffneten sich uns mit ihren Biografien. Ein wichtiger Grund für die Bereitschaft der Frauen zu berichten war, dass ihre Geschichte aufgeschrieben wird. Jede Frau suchte sich zunächst einen Namen aus, so dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Natürlich sind die Fluchterlebnisse einschneidend, stehen aber nicht im Vordergrund. Die Schilderungen des alltäglichen Lebens mit seinen Bräuchen wecken Verständnis für die Lebensweise der Familien hier. Ihre ersten Eindrücke von Deutschland sensibilisieren uns für Besonderheiten unserer Gesellschaft. Die Lebensleistung der Frauen wird gewürdigt.

Wir stellten Impulsfragen, ansonsten erzählten die Frauen frei. Es wurde zwischendurch geweint, aber auch gelacht. Sebra nahm alles mit ihrem Handy auf. Dann setzten wir beide uns zusammen, Sebra mit dem Handy am Ohr und Claudia am PC und hackten den Originalton auf die Festplatte. Danach überarbeitete Claudia die Textvorlage und schrieb in der einfachen Sprache der Frauen einen authentischen Text. Der wurde jeder Frau rückübersetzt, um evtl. Mißverständnisse zu klären und das Einverständnis jeder einzelnen Frau einzuholen. 

Gedichte

Sebra Xaltî kam mit ihren Eltern 1985 aus Anatolien/Türkei nach Deutschland. Seit 2016 schreibt sie Gedichte in Deutsch und Kurdisch. Hier eine Kostprobe:

Ich ließ mir von der Liebe
Einen ihrer unerfüllten
Wünsche aufschreiben


Und später las ich nur noch
Von ihrer unerfüllten Sehnsucht
Nach der Freiheit.

 

Malerei

Ravo Ossman stammt aus Shingal, Nordirak und wohnt jetzt in Lehrte. Er studierte Kunst im Irak. Die Gemälde der vergangenen Jahre sind stark von den Geschehnissen und Gräueltaten des IS beeinflusst. Sie üben auf die BetrachterInnen eine starke Wirkung aus.

Vorbereitungen zur Gestaltung

Christian Grams ist Künstler und Lehrer für Gestaltung an der Kunsthochschule Braunschweig. Der Schriftsteller Gerd Bohne machte uns im Oktober mit ihm bekannt. Zwischen Ravo und ihm hat es sofort gefunkt und sie verabredeten sich für eine zweitägige Arbeitsklausur in Braunschweig, in der sie sich künstlerisch besser kennenlernen wollten. Dabei entstand das Folgende:

Arbeitsschritte

Planungsgrundlage schaffen

Bei den beiden ersten Treffen haben wir unser Vorgehen geplant, das Papier ausgewählt und verschiedene Formate erprobt. Es wird wahrscheinlich ein quadratisches Buch werden.

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Fotoshooting

In ein paar Tagen werden wir uns wieder in der Kunsthochschule treffen. Ravos Werke werden dann fotographiert. Sehr spannend. Die Fotos vermitteln das am besten!

Alle Gemälde wurden gut verpackt zu Kunsthochschule gebracht: